Im Alter von drei Jahren kam ich mit meinen Eltern von Hamburg nach Burghaig bei Kulmbach. Spätestens in der Grundschule hasste ich es, in Bayern zu sein. Ich verstand nicht einmal die Kinder, obwohl ich doch selbst eins war. Die Gefühle zwischen mir und den Bayern beruhten auf Gegenseitigkeit. Alles schien mir hier träge zu sein, abweisend, altmodisch, karg, rückwärtsgewandt, fremd sowieso.
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Den Norden zu mögen, für den HSV zu sein, das „Hamburger Abendblatt" zu lesen und „RIAS-Berlin - eine freie Stimme der freien Welt" zu hören, erleichterte eine gegenseitige Annäherung nicht gerade. Einen großen Schritt vorwärts tat ich mit Hilfe eines Freundes zu Gymnasiumszeiten, der hauste nämlich im Torgebäude der Plassenburg ob Kulmbach. Die Erkenntnis, die ich dort zwischen Kasematten, Hoher Bastei und Bollwerken gewann, brachte mich weiter: Diejenigen, die mich einen „Preußen" schimpften, waren selber welche. Keine Bayern, sondern von Bayern okkupierte Hohenzollernuntertanen, denen die knapp zweihundert Jahre neue Herrscher immer noch nicht die Eigenheiten genommen hatten. Im weiten Umkreis fielen mir nun erst die schwarzweißen Wappenschilde der Städte und Schlösschen auf. Ich war dadurch als „Preuße" im preußischen, jedenfalls hohenzollerschen Kernland heimischer geworden. Dabei halfen natürlich ebenso die ästhetische Eindrücke fränkischen Designs: Kirchen, Burgen, Porzellan, Glas, Mädchen.
Das Studium in Bamberg schließlich öffnete mir die Augen ganz: Oberfranken bekam Gesicht, Stimme, Tiefe, Weite, immer mehr liebenswerte Details. Welch formidable Vielfalt an reich gegliederter Natur, Kultur, zu der noch reichlich Erfindergeist kommt! Ich war begeistert, hier leben und arbeiten zu können.
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Diesen Bildungsgang vom Bayernhasser zum Oberfrankenliebhaber und überzeugten Wahlfranken tische ich Ihnen nicht aus Stolz oder Egozentrik auf, sondern um auf die Notwendigkeit hinzuweisen, ähnliche Entwicklungen bei anderen bedeutend abzukürzen! Das ist ja das Ziel des Dachmarkenprozesses: Ein Blick aufs Logo und tausend positiv angenehme Assoziationen stellen sich ein.
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Soweit sind wir offenbar noch nicht. Als ich nämlich an sich sehr schätzbaren Vertretern aus Kultur und Wissenschaft von meiner Aufgabe erzählte, eine Rede mit dem Titel „Design für eine Zukunftsregion" zu halten und dabei auf den Nutzen der Dachmarke für Oberfranken hinzuweisen, erntete ich Kommentare dieser Art: „Dachmarke? Ach hören Sie auf mit dem modischen Blödsinn!" Oder: „Schon wieder eine Dachmarke? Sogar für den Domberg in Bamberg gibt es eine." Oder: „Dachmarkenprozess, wenn ich so was schon höre: Da kommen Jungspunde und wollen einem mit Marketingfloskeln die Welt erklären. Wenn man denen mit historischen Argumenten kommt, sind sie beleidigt. Die haben doch von nichts eine Ahnung!" Schließlich: „Dachmarke erinnert mich immer an Dachschaden. So nach dem Motto: Wer einen Dachschaden hat, ist freilich fürs Höhere offen."
Angesichts solch massiver Reaktionen schluckte ich schon erst einmal. Dachte nach. Tatsächlich: Was soll denn da alles unter dem einen Dach „Oberfranken" versammelt werden!? Kann das gelingen? Ein Satz des großen Physikers und Schriftstellers Georg Christoph Lichtenbergs fiel mir ein: „Die Natur schafft keine genera und species, sie schafft individua und unsere Kurzsichtigkeit muss sich Ähnlichkeiten aussuchen um vieles auf ein Mal behalten zu können. Diese Begriffe werden immer unrichtiger je grösser [sic!] die Geschlechter sind, die wir uns machen."
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Nehmen wir diese Palette Süßigkeiten aus Japan. Die grobe Klassifizierung stimmt schon, aber wie Sie sehen, unterscheiden sich die Einzelstücke erheblich in Machart, Dekor und - wie ich Ihnen verraten kann - in Konsistenz und Geschmack. Der Begriff „Japanische Süßigkeiten" fasst weder die individuelle Qualität der einzelnen Süßigkeiten, schon gar nicht die sinnliche.
Auf Oberfranken übertragen: Gerade seine tausend Eigenheiten machen es ja so außergewöhnlich reich. Man muss seine Sinnlichkeit erleben, um sie wirklich zu schätzen. Da stellt sich die Frage: Verarmt Oberfranken im Auge möglicher Interessenten nicht, stülpt man seine Vielfalt unter das Dach einer Marke und versucht es, mit ein paar mehr oder weniger schlagenden Begriffen zu charakterisieren?
Die lauten: „Echt", „lebenswert", „sinnlich", „stark". Hm, das könnte alles mögliche sein, und an der Konsistenz der Reihe könnte man - rein logisch denkend - auch herummäkeln wie einst der Franke Sixtus Beckmesser; nun ja: ein Mittelfranke.
Solche Beckmesser gibt es allerdings auch bei uns. Und sie meckerten und meckern laut nicht nur über die Nivellierung und Abstraktion oberfränkischer Vielfalt durch den Dachmarkenprozess, sondern auch über das Logo. Das hätte doch wirklich besser, klarer, mit schöneren Farben gestaltet werden können!
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Argumente für diese Meinung gibt es: Das Logo bietet keine sofort erkennbare Form, kein allgemein bekanntes Symbol. Dieser abstrahierte Umriss des Regierungsbezirks wird höchstens im zweiten Sehen erkannt. Die Mischschrift aus Klein- und Großbuchstaben der Oberfrankenschrift kann verwirren, wirkt seltsam.
Aber es gibt viele solche seltsamen Ideen. Hätte vielleicht ein buntes Stück angebissenes Obst für die Genussregion Oberfranken besser gepasst?
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Oder ein springendes, exotisches Raubtier. Und die Schrift hätte man doch schmissig zerschlitzen können. Klingt das alles für Sie nach blöden Ideen. Auch das stimmt, aber nur abstrakt gesehen.
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„Apple", „Puma" und „IBM" haben damit nämlich zig Milliarden verdient und eine internationale Bekanntheit erreicht, die nur von Gott oder Coca Cola übertroffen wird, und das, obwohl der Zusammenhang zwischen Logos und Produkten kaum oder gar nicht gegeben war. Gerade in der Computerwelt hatte man sich über den bescheuert bunten angefressenen Apfel anfangs sogar scheckig gelacht. Heute ist "Apple" die wertvollste Firma und Marke der Welt.
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So geht es übrigens regelmäßig. Erst verlacht, dann verehrt. Mir fallen da vor allem Kafka und die Ente ein. Um 1950 noch hätte kaum jemand kapiert, wovon ich rede. Heute ist aus dem böhmischen Avantgarde-Autor Franz Kafka eine weltweit erfolgreiche Touristikmarke geworden, die Prag erstmals auf die Landkarte vieler Außertschechen gebracht hat. Und die Ente? Sie heißt offiziell „Citroën 2 CV", und bei ihrer Präsentation witzelten Reporter um die Wette. Einer meinte: „Ich weiß, es ist die Badewanne meine Großmutter, aber warum hat man sie umgedreht?" Die Satirezeitschrift „Le Canard enchaîné" schrieb: „Eine Konservendose, Modell freies Campen für vier Sardinen." Weit über sechs Millionen offenbar gar nicht mehr als hässliche empfundene Enten verkauften sich. Ich verwende das Wort „Kult" nicht gern, aber hier trifft es zu. Die Beispiele ließen sich leicht vermehren, für die gilt wie für uns heute:
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Man darf sich eben nicht von Beckmessern abschrecken lassen. Hier in Coburg beim Designforum weiß man das, wo Studenten und Hochschullehrer die Ausbildung ins Praktische und Unternehmerische verlängern. Traditionell hohe Verarbeitungskompetenz und traditionelle Werkstoffe wie Korb, Porzellan, Textilien werden hier aufgenommen, modern interpretiert und durch gelungenes Design einem neuen Leben zugeführt. Georg Christoph Lichtenberg nannte das sehr einprägsam und nachahmenswert: „Neue Blicke durch die alten Löcher."
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Wie ich ein Faible für Lichtenberg habe, so hatte der eins für Licht, das schon in seinem Namen steckt, und schrieb Geniales über dies Wellenmateriephänomen. Mein Lieblingssatz von ihm zum Thema schillert herrlich: „Er konnte einen Gedanken, den jedermann für einfach hielt, in sieben andere spalten wie das Prisma das Sonnenlicht, wovon einer immer schöner war, als der andere, und dann einmal eine Menge anderer sammeln und Sonnenweiße hervorbringen, wo andere nichts als bunte Verwirrung sahen."
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Hat jemand die Fähigkeit zu phantasievoll genialischer Synthese und Analyse in einem Menschen jemals so einleuchtend und schön formuliert? Wenn wir nachher die Straßen hier erleuchtet sehen, können wir an diese Doppeldenkfähigkeit in einem neuen Licht denken. In diesem Sinn erscheinen auch die Lichtaktionen, ob es nun Kronach ist, das leuchtet, Coburg oder eine der anderen Städte und Orte, in einem anderen Licht. Das geht ja weit über das typisch modische Event hinaus, das einem Feuerwerk gleich eindrucksvoll, aber rasch verpufft. Die Lichtaktionen lassen den Einwohnern und Besuchern jedes Mal wieder ein Licht aufgehen, was man alles bisher übersehen hat. Das Licht schafft neue, überraschende Verbindungen, trennt auch hie und da Dinge, die man bisher für untrennbar hielt und setzt sie damit frei für andere Kombinationen. Es entsteht mehr lichter Raum für Freiheit unterm Hirnhimmel. Genau das richtige für helle Köpfe, die ihr Licht keinesfalls mehr unter den Scheffel stellen wollen, sondern ein großes Licht und überhaupt neu werden.
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Trotzdem herrscht unverkennbar statt Einigkeit oft noch Streit in der Region, wenn es um die Dachmarke geht. Ist so ein Streit nötig? Und worum, besser gefragt, wofür streiten wir dabei denn?
Der schreckliche Brand vor wenigen Tagen hier in Coburg, der so viele obdachlos gemacht hat, gab meinem Denken über Einheit und Vielfalt und Streit darüber einen Stoß in eine eigene Richtung. Gotthold Ephraim Lessings Parabel vom Palastbrand kam mir in den Sinn, die ich kurz erzählen möchte, auch weil Lessing einer unserer hellsten Köpfe ist:
Ein weiser König hatte vor Urzeiten in seiner Hauptstadt einen riesigen Palast erbauen lassen, der durch Dauer und Beständigkeit gefiel, aber in seiner schier unermesslichen Größe auch verwirrte. Von außen wirkte er beeindruckend, aber geradezu unverständlich; von innen strahlte überall Licht und Zusammenhang.
Architekturliebhaber, wahre Kenner und selbsternannte gerieten über die Deutung des Palastes und seiner Gestaltung in Streit, mehr noch deshalb, weil sie sich auf unterschiedliche, angeblich uralte und jeweils für echt erklärte, sich aber widersprechende Grundriss-Zeichnungen stützten, die jeder auslegte, wie er wollte. Der Streit tobte und entfernte sich immer mehr vom eigentlichen Gegenstand, dem Palast, betraf immer mehr die Grundrisse und das Streiten selbst.
Da erscholl einmal um Mitternacht plötzlich die Stimme der Wächter: „Feuer! Feuer in dem Palaste!" Da fuhr jeder von seinem Lager auf; und jeder lief nach dem Kostbarsten, was er zu haben glaubte, - nach seinem Grundrisse. Und dann lief ein jeder mit seinem Grundrisse auf die Straße, wo, anstatt dem Palaste zu Hülfe zu eilen, einer dem andern es vorher in seinem Grundrisse zeigen wollte, wo der Palast vermutlich brenne. »Sieh, Nachbar! hier brennt er! Hier ist dem Feuer am besten beizukommen. - Oder hier vielmehr, Nachbar; hier! - Wo denkt ihr beide hin? Er brennt hier! - Was hätt es für Not, wenn er da brennte? Aber er brennt gewiß hier! - Lösch ihn hier, wer da will. Ich lösch ihn hier nicht. - Und ich hier nicht! - Und ich hier nicht! -"
Die Pointe Lessings verrate ich nicht, aber Sie können sich leicht vorstellen, was ich mit der Parabel sagen will: Dass die Einheit einer Dachmarke nicht in Vollkommenheit die unglaubliche Fülle und Schönheit des Einzelnen in Oberfranken vereinen kann, ist klar, aber noch klarer, dass ein fruchtlos vereinzelnder Streit noch weniger Einheit bedeutete, ja sogar Gefahr.
In einer großen, existenziellen Gefahr erkannten schon lange vor „Oberfranken Offensiv" und vor dem „Coburger Designforum Oberfranken" einige Leute im fernen, wilden Westen, dass sie den Streit beiseitelegen und sich um Einigkeit in einem neuen Gewand bemühen mussten. Sie übernahmen aus einem Herrenmagazin ein Motto, das ihnen einleuchtete, gleichsam eine Art Plagiat, was man damals nicht so sah. Es waren übrigens die englischen Kolonien in Amerikanisch-Übersee, das Herrenmagazin hieß „Gentleman's Magazine", das Motto lautete: „E pluribus unum". Dass ein Herr Guttenberg aus Oberfranken dies Motto seiner Dissertation voranstellte, machte es in jüngster Zeit noch bekannter. Mich interessiert an dieser Geschichte vor allem eines, dass wir es hier unverkennbar mit einem Designprozess zu tun haben, der erst einmal das große Staatssiegel der Vereinigten Staaten von Amerika inklusive zugehörige Motti betraf. Ab 1776 dauerte dauerte dieser Prozess sechs Jahre, beschäftigte drei Ausschüsse und brauchte viele, viele Sitzungen, bis man 1782 Charles Thomson beauftragte, Nägel mit Köpfen zu machen. Der formte in lediglich einer Woche aus den Vorarbeiten der drei Ausschüsse das bis heute gültige große Staatssiegel der USA. Mit der genial gestalteten Sternenstreifenfahne zusammen, die in den Farben noch an die englische erinnerte, aber doch eine neue Botschaft verkündete, erlaubte das Staatssiegel, das auch als eine Art Wappen dient, an der „Air Force One" angebracht oder auf die Ein-Dollar-Banknote aufgedruckt ist, im 18. Jahrhundert eine Einigung höchst unterschiedlicher Bewohner von dreizehn höchst unterschiedlichen Bundesstaaten eines riesigen Gebietes. „E pluribus unum" - „Aus den vielen das eine". Das war 1782 damals nur ein extrem verwegener Traum, dem eine extrem entmutigende Realität von Kampf und Chaos wenig Chancen auf Verwirklichung zu bieten schien. Dass es gleichwohl gelang, sogar einen Bürgerkrieg und ein unvorhersehbares Wachstum auf nunmehr 50 Bundesstaaten plus Überseegebiete zu überstehen, hat ohne Zweifel mit den Symbolen, Werten, Überzeugungen zu tun, die immer wieder neu halfen, den Zwist zu überwinden. Sie wissen wahrscheinlich, dass jeden Morgen alle Schüler in öffentlichen Schulen der USA der Fahne und dem Land, für das sie steht, Treue geloben. Die „Stars and stripes" und das Staatssiegel mit Adler und Motti sind viel verehrt und viel gescholten, aber auf jeden Fall weltbekannt.
Ein anderes historisches Beispiel liegt uns näher, sogar sehr nah. Ein Geschlecht, das in Oberfranken lange Zeit herrschte, schaffte es ebenfalls gegen starke Widerstände von außen, eine Einheit zu werden, übrigens wieder auch mit Hilfe eines neuen Auftretens, das sich einem Prozess verdankt, den wir heute „Corporate Design" nennen. Denken Sie an das schon erwähnte Schwarzweiß der Hohenzollern oder an das Preußischblau vieler Uniformen, welches dazu führte, dass auf historischen Karten Preußen immer in diesem Blau dargestellt wurde. Außer Entscheidungen repräsentative Farben betreffend, suchte man auch einen Slogan, damals „Staatsmotto" oder „Devise" genannt: „Suum cuique" lautete das in Preußen, also: „Jedem das Seine". Entnommen war es dem antiken Römischen Recht, wo „suum cuique" vereinfacht bedeutete, dass in einem Gemeinwesen jedem das ihm Gebührende zustehe und zugeteilt werden solle. Über die Karriere dieses Mottos bis zum KZ Buchenwald und danach will ich hier nicht sprechen. Preußens Könige und Administration vermochten es jedenfalls, den Bewohnern ihrer Gebiete innerhalb weniger Generationen mit dieser toleranten Zusicherung ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Art Patriotismus einzupflanzen, obwohl das Staatsgebiet stetig und gewaltig wuchs. Die imperial klassizistische Architektur trug ihren Teil dazu bei, die schon angesprochenen Uniformen, die vereinheitlichenden Farben und Symbole, dazu ein Wertesystem, dessen ethische Beurteilung besser ausfallen könnte, als sie gemeinhin vorgenommen wird.
Oberfranken ist eine vergleichsweise junge Einheit, doch seine Vielheit kann es fast mit den USA und durchaus mit der Preußens aufnehmen. In diesem Regierungsbezirk zwischen Wunsiedel und Ebrach, zwischen Neustadt bei Coburg und Forchheim findet sich ein staunenswerter kultureller Reichtum, den die Imagebroschüren von „Oberfranken offensiv" immerhin zu einem angemessenen Teil präsentieren. Entstanden ist dieser Reichtum auch aus Konkurrenz. Natürlich nicht nur! Aber weil hier das Bistum Bamberg, die Markgrafschaft Kulmbach-Bayreuth, viele reichsunmittelbare oder zumindest wohlhabende Ritter und Klöster herrschten, entstand ein fruchtbarer Wettbewerb beispielsweise in Sachen Repräsentation. Hatte der Nachbar sein Schloss renoviert, übertrumpfte der Adlige nebenan ihn mit einer barocken Parkanlage, stellte der Bischof Architekten aus Prag ein, konterten Äbte mit Wasserspielen italienischer Mode. Der Stuckateur im Herrensitz nebenan rief zumindest einen Hofmaler auf den Plan, der Komponist einen Schriftsteller und so weiter. Auf diese Weise fanden im oberfränkischen Gebiet eine erstaunliche Zahl von Künstlern, Gelehrten, Handwerkern, Wissenschaftlern und Beamten schon seit Jahrhunderten ihr Auskommen, und ihre Spuren sind noch überall sichtbar.
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Mit diesen wenigen historischen Hinweisen belege ich Ihnen schlicht und einfach, dass Imageprozesse, Dachmarken, Logos, Slogans wirklich nichts Neues sind. Man nannte sie schlicht anders. Ich denke an die langanhaltende Mode der Embleme des 16.-18. Jahrhunderts, deren gewitzte Kombination von Bild, Text, Tradition und Neuigkeit bis heute Einfluss auf unsere angeblich so neuen Gestaltungsideen hat.
In den erfolgreichen Fällen offiziellen, geradezu amtlichen Designs hängen sich natürlich auch Wirtschaftsunternehmen gern dem Bild-Text-Programm an. Ein schlagendes Beispiel wäre das Schweizer Offizierstaschenmesser, das mit dem Wappen und den offiziellen Farben profitiert von der enormen Bekanntheit, von der einfachen und damit extrem gut wiederzuerkennenden Gestaltung, vom Image, das die Schweiz international hat. Das verhilft einem Produkt über seine eigene Qualität hinaus zu deutlich mehr Durchsetzungskraft.
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Wir sind nicht die Schweiz, aber wir haben immerhin die Fränkische Schweiz. Scheint Ihnen das weit hergeholt zu sein? Aber es ist ein geographischer Begriff, der sich bildete, weil wiederum das Image der Alpengenossenschaft so bekannt und eindeutig war, das es übertragbar wurde. Die Schweiz als eines der ersten im modernen Sinne touristischen Gebiete, vielleicht nach Italien als Sonderfall, stand für atemberaubende, ehrfurchtgebietende, reich gegliederte, bergige Natur, dramatische Täler, hübsche Flüsse, die man alle zusammen als romantisch im schönsten Sinn empfand. Wie eine Schweiz im Kleinen erschien also romantisch gestimmten Naturen auch die hügel-, fels-, täler- und burgenreiche Gegend um die Wiesent herum. Dass hier die literarische Romantik Deutschlands mit Wackenroder und Tieck ihren Ausgang nahm, ist kein Zufall. Natürlich verwendete man „Fränkische Schweiz" ganz unromantisch auch als touristischen Werbebegriff. Er verlieh einer Region ein erst geliehenes, dann eigenes Image und damit Stärke im Wettbewerb.
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Andere Regionen sind auf dem Sprung, haben sich in letzter Zeit diesem Wettbewerb längst gestellt und werben sehr offensiv mit Logos, Slogans, Farben. Nicht nur Südtirol, das in Größe und durch die Sonderstellung im Staat Italien ein Sonderfall ist, sondern auch das Tessin oder Graubünden, die Steiermark, die Bodenseeregion, die Picardie, Limburg, Telemark, Murcia und viele andere mehr.
In all diesen Fällen haben sich viele Gemeinden, Städte, Städtchen, Firmen, Institutionen unter ein Dach begeben, um die Vielfalt in der Konkurrenz schlagkräftiger zu machen. Dabei alles unter ein Dach zu bringen, ist natürlich keine Kleinigkeit, und man muss manchem auch mal aufs Dach steigen, um ihm das Gedachte klarzumachen. Eine gewisse Penetranz und ein aggressiv forscher Vorwärtsdrang ist bei einem Dachmarken-Prozess durchaus erforderlich. Wie sagt das englische Sprichwort: „The squeaky wheel gets the grease." Immer wieder, unermüdlich auf die Möglichkeiten und Vorteile von Logo, Slogans, Corporate Design der Marke „Oberfranken" hinzuweisen, könnte und sollte Ehrensache für alle sein, die sich schon im Dachmarkenprozess engagieren. Es fördert ja alle, auch die spät Berufenen!
Eine allgemeine, europaweite Bekanntheit zu erreichen und zu festigen, wird nicht leicht sein, aber ein Wunder benötigt man dafür auch nicht. Vielleicht genügt es, nicht immer in eine Richtung und jeder für sich zu denken, sondern die Sichtweise zu ändern, neben den vielen Fragen und Problemen auch das Pragmatische zu achten, so wie es Buddha seinem Lieblingsschüler vorführte. Eine kleine Geschichte nur, die ich Ihnen erzählen möchte, aber sehr lehrreich, wie ich finde:
Der Lieblingsschüler des weisen Buddhas verließ eines Tages seinen Meister, um sich in der Welt zu vervollkommnen. Nach sieben Jahren kehrte er wieder und verneigte sich grüßend mit Ehrfurcht und Stolz vor seinem Meister.
Buddha umarmte ihn und fragte: „Hast du etwas gelernt in der Welt?"
Der Schüler verneigte sich zum zweiten Mal: „Viel habe ich in der Welt gelernt, oh Meister! Dadurch und mit Hilfe der Meditation in ungezählten Tagen der Übung ist es mir gelungen, ein Wunder zu vollbringen."
Buddha umarmte seinen Schüler zum zweiten Mal und freute sich über dessen Freude. „Zeig mir, was du gelernt hast in der Welt!", sagte er, „Zeig mir das Wunder!"
Da sammelte sich der Schüler im Geiste und schritt auf den Fluss zu, ging weiter und immer weiter - über das Wasser hinweg, als ob es fester Erdboden wäre. Auf dieselbe Weise kam er zurück, verneigte sich trockenen Fußes vor seinem Meister ein drittes Mal und wartete.
Es dauerte eine Weile. Dann umarmte ihn Buddha - tröstend - ein drittes Mal: „Sei nicht enttäuscht, aber das kann doch jeder."
Und Buddha ging über die nahe Brücke.
Für das Design der Zukunftsregion Oberfranken heißt das: Man kann Jahre auf Wunder hinarbeiten. Es gibt aber schon andere, die den Weg mit einer Dachmarke erfolgreich beschreiten. Man kann ihnen folgen, aus ihren Fehlern und Erfolgen lernen. Man muss das Pulver nicht neu erfinden, aber natürlich für sich spezifisch nutzen.
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Das Logo ist in diesem Prozess einer Identitätsstärkung und Verbesserung der Wiedererkennbarkeit viel mehr als ein äußerliches Signal. Steffi Widera von „Oberfranken offensiv" fasste es in einem Gespräch einmal treffend und klar so zusammen: „Mit dem Logo haben wir uns ein Wappen gegeben, um uns für die Zukunft zu wappnen." Jeder soll sehen, was wir hier in Oberfranken im Schilde führen, dass wir das Gegenteil des Hasenpaniers ergreifen! (Das Banner des Hasen, sein Panier ist der hochaufgerichtete Schwanz bei der Flucht.) Dieses Wappen, unser Logo, kann im Kampf um internationale Aufmerksamkeit und Imagegewinn entscheidende Dienste leisten. Wir sollten uns in diesem Zusammenhang ein Motto aus der Geschichte einer erfolgreichen Weltreligion entlehnen: „In hoc signo vinces." „In diesem Zeichen wirst du siegen." Sie erinnern sich vielleicht. 1.700 Jahre ist es erst her, da erschien an der Milvischen Brücke vor Rom dem Baldkaiser und Irgendwannauchchristen Konstantin ein Kreuz plus R, das für Christus stand, dazu kam die himmlische Erläuterung: „In diesem Zeichen wirst du siegen." Konstantin, nicht faul, ließ das brandneue Logo an Feldzeichen und Soldaten anbringen und siegte 312 tatsächlich.
Nun ist das „Coburger Designforum Oberfranken" oder „Oberfranken offensiv" keine Himmelsmacht, das Oberfranken-Logo kein göttliches Symbol, aber dieses Vorwärtsdenken des Jahres 312 erscheint mir weiterhin vorbildlich zu sein, besonders für den Dachmarkenprozess und die Zukunftsregion Oberfranken.
„Zukunftsregion": Das klingt in einer von so viel historischen Highlights geprägten Gegend erst einmal großsprecherisch, dazu recht allgemein. Was genau soll das denn sein? Das Schlagwort lässt sich schnell ins Konkrete überführen. Bedenkt man allein die Familienfreundlichkeit hierzulande, dann bekommt „Zukunftsregion Oberfranken" einen sehr menschlichen und freundlichen Klang. Familien finden hier in den Wäldern und auf den Wiesen Oberfrankens „hidden champignons", und sie finden in den Städten und Städtchen eine erstaunlich große Zahl „hidden champions": Bei diesen nationalen oder internationalen Marktführern finden hochqualifizierte Arbeitgeber adäquate Arbeitsplätze. Und die Familien dieser Arbeitnehmer erleben in Natur, Kultur und Ausbildung eine sehr hohe Lebensqualität - und das oft zu Preisen, über die Fremde nur staunen können. Dazu sind die Wege in Oberfranken kurz, auf denen der Rest der Republik, aber auch die unterschiedlichsten Gegenden, Institutionen, Plätze, Messen, Zulieferer, Käufer und Kunden erreicht werden können. Nürnberg liegt 40-120 min entfernt, München und Frankfurt zwischen 120 und 180 min, Berlin und Hamburg vier Stunden. Ein Katzensprung führt aus dem urbanen Bamberg in den Steigerwald, aus Hof ins Fichtelgebirge, aus Coburg oder Kronach in den Frankenwald.
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Jedes Tal, jeder Ort, jeder Betrieb unterscheidet sich dabei in Oberfranken, ist aber lebendig und kunstreich miteinander verflochten. Diese mehrfach erwähnte Vielfalt macht seine Stärke aus, die durch das Logo, das Wappen, die Dachmarke verstärkt wird. Worin diese Stärke der vielen unter einem Wappen besteht und was die Alternative wäre - ich liebe einfach Geschichten - kann man durch eine Parabel besser verstehen, die in unterschiedlichsten Kulturen ähnlich überliefert wird:
Ein Vater spürt den Tod nahen, ruft seine sieben Söhne zu sich und überreicht jedem einen Holzstab. „Zerbrecht sie!", ruft er. Sie tun es leichthändig. Wieder nimmt der Vater da sieben Stäbe, nur fasst er sie diesmal als Bündel zusammen und gibt es dem ersten Sohn: „Zerbrich es!", ruft er. Vergeblich müht sich der Sohn. „Versuch du es!", ruft der Vater dem zweiten zu. Weder er noch die anderen vermögen es. Da sagt der Vater: „Einzeln seid ihr schwach, vereint unüberwindlich."
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Die Übertragung auf hier und heute ist klar. Vereinzelt landet auch gutes Design in der Gosse. Vereint durch die Dachmarke ergibt sich dagegen ein starker gemeinsamer Nutzen! Einheit, Vielheit. „E pluribus unum".
Indem Oberfranken nicht mit einer Stimme spricht, aber mit einem Logo auftritt, mit überzeugendem Corporate Design, das unendlich viele Spielarten und doch Wiedererkennbarkeit erlaubt, wird die Region wesentlich besser und viel weiter sichtbar, gewinnt deutlich an Durchschlagskraft und Reiz. Und je mehr mitmachen, um so weniger kann Oberfranken überwunden werden. Die Lizenzkosten für die Verwendung von Logo und Corporate Design sind übrigens null, wenn es für Werbung, Image, Marketing verwendet wird. 120 Institutionen und Firmen nutzen es etwa aktuell. Wie wäre es, wenn es bis zum nächsten Jahr dreimal soviele wären? Dann spätestens wäre eine kritische Masse erreicht und eine Kettenreaktion im positiven Sinne angestoßen, die unaufhaltsam wäre!
Habe ich schon erwähnt, dass ich nicht nur Historiker, Germanist, sondern auch - was beides verbindet - Sprichwort- und Redensartenspezialist bin? Manchmal erfahre ich deshalb direkten Spott, nicht unbedingt bös gemeinten. Es lässt sich auch gar zu leicht mit meinem Namen spielen, der allerlei Satirisches erlaubt. So können sie in wenigen Minuten am Ende meiner Rede auf jeden Fall sagen: „Des war alles Essig!" In welchem Sinne? Das müssen Sie entscheiden.
Oberfranken sollte, darauf will ich hinaus, selbst großen Wert darauf legen, sprichwörtlich zu werden und in aller Mund zu gelangen. Vielleicht gerade weil die Oberfranken als maulfaul bis lakonisch schlagfertig gelten. So soll einmal ein schwedischer Trupp eine Burgbesatzung in Thurnau zur Kapitulation aufgefordert haben. Der schwedische Unterhändler drohte ausführlich mit den Folgen im Falle einer Weigerung: „Wenn wir die Mauern brechen, wenn wir die Burg erstürmen, wenn wir euch besiegt haben, dann plündern wir, dann töten wir die wehrhaften Männer, die Alten, wir schänden die Weiber, und die Kinder nehmen wir mit als Dienstboten." Der fränkische Unterhändler antwortete ungerührt: „Wenn!"
Ehrlich gesagt, das war halb erfunden. Die Geschichte stammt aus der Antike und belegt die Lakonie der Lakonier, also der Spartaner, die man nach der Landschaft, in der sie wohnten, auch Lakonier nannte. Weit über zweitausend Jahre hat sich diese Region mit diesen Ausdrücken „Lakonie" und „lakonisch" in praktisch allen Kultursprachen der Welt gehalten. Das sollte uns doch anspornen, es mit Oberfranken ebenfalls zu erreichen!
Wer in aller Munde ist, der hat es im Wettbewerb der Regionen ohne Frage leichter. Am besten natürlich im positiven Sinne! Mit Franken allgemein gibt es ja schon einige Ausdrücke, wie „frank und frei" oder „frankieren" (das hat tatsächlich mit den Franken zu tun). Schauen wir, dass wir ein paar Oberfrankensprichwörter oder Redensarten erfinden und in Umlauf bringen. Es ist höchste Zeit!
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Wie wäre es mit: „Es ist schon ein Unterschied, ob er Franken oder Oberfranken meint." Oder: „Wie Gott in Oberfranken!" Oder statt „Eulen nach Athen tragen" zu sagen: „Design nach Coburg tragen." Weit mehr als ein Anfang ist ja mit dem „Designforum Oberfranken" und der FH mit ihren gestaltungshungrigen Studierenden gemacht, wie Ihnen die Ausstellung zeigen wird. Und dann kommt ja die Übergabe des Neubaus neben dem „Hofbräuhaus", wo die interdisziplinäre Verbindung der vier Studiengänge Architektur, Bauingenieurwesen, Innenarchitektur und Integriertes Produktdesign, die einzigartig in Deutschland ist, unter einem gemeinsamen Dach noch intensiver werden wird. Damit besitzt die Hochschule Coburg dann einen DesignCampus mit modernsten Lehrsälen, Werkstätten und Laboren, in dem man flexibel und fix auf die Anforderungen des Marktes reagieren, ihm aber auch Visionen vorgeben kann. Die Chancen für ein sprichwörtliches Coburg-Design mit europaweiter Ausstrahlung, sind also nicht gering. Ich wünsche dafür allzeit guten Geschmack, klare Gedanken, viel Mut zur Phantasie und gebe abschließend noch zwei Meisterdenker-Weisheiten auf den Weg:
Die eine stammt von Bob Dylan, und wir können sie uns als heimliches Zusatzmotto im hoffentlich bald noch stürmischer verlaufenden Dachmarkenprozess für die Zukunftsregion Oberfranken merken:
„My real message? Keep a good head and always carry a lightbulb!" „Meine wahre Botschaft? Sei ein kluger Kopf und trage immer eine Glühbirne mit dir!"
Doch am Ende soll ER stehen:
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Sein Satz vom Sein, das das Bewusstein bestimme, ist auch für den Dachmarkenprozess höchst geeignet, bei dem es nun nicht mehr ums Reden, sondern ums Tun geht. Den Sinn des Marx-Satzes hat aber Knarf Rellöm 2006 so treffend aktualisiert, das ich ihn ans Ende meiner Rede stellen möchte, uns allen als heitere und wahre Ermunterung:
„Move your ass and your mind will follow."
www.schuressig.de